Das TARNWERK

 
 

Die zunehmende Härte des Luftkrieges veranlasste den Luftgaubefehlshaber General Wolff, den Bau von Scheinanlagen im großen Rahmen anlaufen zu lassen. In Hamburg entstanden die Scheinanlagen Rüpke, Sülldorf und Fuhlsbüttel, in Bremen wurde am Nordwestrand ein Bahnhofsgelände und am Südostrand eine Industrieanlage dargestellt. Die Luftangriffe im Raum Braunschweig - Hannover seit dem Sommer 1940 auf die Schwerindustrie im allgemeinen und die Reichswerke "Hermann Göring" im speziellen machten Luftschutzmaßnahmen nötig.

Noch im Juni 1940 begannen die Reichswerke AG südlich von Vallstedt, im "Dummen Bruch" (siehe Luftbild, diese Seite, unten), exakt in der Hauptanflugrichtungauf die Hermann-Göring-Werke (siehe Luftbildanalyse) zwischen Broistedt und Bleckenstedt auf eigene Kosten mit dem Bau des ersten Tarnwerkes. Bezeichnet wurde sie als Anlage 23. Mit hohem Holzaufwand waren Kühltürme, Hochöfen, Kokereikamine und verschiedene Gebäude errichtet worden, die mit Rauch und Licht versehen, die Erzeugungsvorgänge darstellten. Im September 1940 wurde die Betreuung der Anlage 23 einem Kommando der Wehrmacht übertragen. Ein Jahr später hatte sie der Flughafenbereich Stendal übernommen, um sie durch Luftwaffenbaupioniere weiter ausbauen zu lassen. Die anfallenden Unterhaltungskosten der Anlage 23 beglich das Luftwaffenbauamt in Stendal. In dieser Zeit wurden den Reichswerken auch die Kosten für diese Scheinanlage vergütet.

In der Nacht zum 24. Juli 1940 führte die Anlage 23 während eines Luftangriffes auf die Reichswerke ihre Leistungsfähigkeit vor. Vom Werkbeobachter auf dem Gichtgasometer im Originalwerk und aus Bleckenstedt wurde übereinstimmend gemeldet, "daß aus der Gegend der Tarnanlage, größere hellgrüne Lichterscheinungen zu erkennen" waren. Von der Doppelschleuse Wedtlenstedt wurde "ein Licht von der Größe eines Hauses" gemeldet. Nach britischen Aufklärungsflügen in den Nächten um den 12.08.1940 folgten erneute Angriffe in den Nächten um den 01.09.1940 bei denen über 50 Spreng- und Brandbomben gegen die Tarnanlage eingesetzt wurden. Neben den in Kauf genommenen Schäden an der Anlage kam es zu Beschädigungen der Straße Bleckenstedt - Broistedt und Flurschäden in der Gemarkung Engelnstedt. Das Jahr 1941 brachte 12 schwere Luftangriffe auf Städte und Industrien im Bereich des Luftgau XI. Die Reichswerke im Salzgittergebiet mussten fünf Angriffe über sich ergehen lassen, wobei ein schwerer Angriff am 05./06. Juli 1941, bei dem 51 italienische Arbeiter getötet und 64 verletzt wurden dazu führte, dass man Beutegeschütze zur Abgabe von Zielfeuer über der Anlage 23 einsetzte und den Aufbau eines zweiten Tarnwerkes bei Bodenstedt begann. Insgesamt erziele die Anlage 23 das Ziel ihrer Errichtung: Von den bis September 1941 auf die Reichswerke abgeworfenen 112 Spreng- und ca. 1900 Brandbomben, zog das Tarnwerk bei neun Angriffen, 61 Spreng- und ca. 300 - 400 Brandbomben auf sich" (33). Ab November 1941, als der Aufbau des Tarnwerks bei Bodenstedt im vollen Gange war, wurde die Anlage 23 zum Barackenlager umgebaut.


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LuftschutzmaSSnahmen der Reichswerke AG - Tarnwerk Broistedt

Quelle: Oertel U. et al in „Vergessene Welten - Die Scheinanlage bei Bodenstedt“, 2005

links oben: Bodenstedter Feldmark mit Tarnwerk 1945; rechts oben: heute; links unten: Werksgelände Salzgitter AG heute; rechts unten: Bildausschnitt